Nieswurz, Christ- und Lenzrose – frühe Schönheiten im Garten
Beobachtungen
Ganz ohne Gestank
Schon früh im Jahr öffnen sich die Blüten der Stinkenden Nieswurz (Helleborus foetidus), leuchtend hellgrün mit rotem Rand. Sowohl der deutsche als auch der botanische Artname sind nicht gerade schmeichelhaft und etwas irreführend, denn Gestank sucht man bei diesem Hahnenfussgewächs vergebens. Einzig die Blätter verströmen einen etwas eigenartigen Geruch, wenn man sie verletzt, das aber als Gestank zu bezeichnen, ist reichlich übertrieben. Wie dem auch sei, der Attraktivität dieses Frühblühers tut dies keinen Abbruch, weshalb man ihn nicht selten in Gärten kultiviert.
Die Stinkende Nieswurz ist eine der ersten blühenden Pflanzen im Garten.
Eine Erdhummel-Königin erfreut sich an der Stickenden Nieswurz und findet dort die erste Nahrung nach der Überwinterung.
Integrierte Heizung
Von der frühen Blüte profitieren Insekten, die bereits zeitig im Jahr unterwegs sind, v.a. bei frisch aus dem Winterschlaf erwachten Hummelköniginnen steht sie hoch im Kurs. Dank einer integrierten Heizung wirken die Nieswurzblüten auf die pelzigen Besucherinnen besonders attraktiv. Tatsächlich liegt die Blüteninnentemperatur bis zu 6 Grad über der der Umgebung. Dies ermöglichen Hefepilze, die beim Zersetzen von Nektar Wärme erzeugen. Diese Wärme lockt nicht nur Hummeln und andere Insekten an, sondern sorgt auch dafür, dass bei Schneefall der Blütenstand schneller wieder freitaut als die benachbarte Vegetation. Gegen Winterkälte sind siesowieso gefeit, bei Minusgraden legen sie sich die Blütenstände einfach nieder und richten sich bei milderen Bedingungen wieder auf.
Schneefall während der Blüte ist für die Stinkende Nieswurz kein Problem.
Die Stinkende Nieswurz gehört zwar zu den ausdauernden Stauden, ist aber im Gegensatz zu verwandten Arten nicht besonders langlebig. Bis zur Blühreife kann es ein paar Jahre dauern, nach der Blüte lässt die Pflanze aber rasch nach, meistens stirbt sie nach der Samenbildung ab. Das ist nicht weiter schlimm, denn wenn man es der Pflanze erlaubt, sich selber auszusäen, gehen nach dem folgenden Winter an nieswurzgeeigneten Stellen Keimlinge auf, die sich zu neuen blühfähigen Pflanzen entwickeln. So hat man alljährlich frische Exemplare, die munter durch den Garten vagabundieren, wenn ihnen der Standort zusagt.
Typischer Flühblüher-Aspekt im Naturgarten mit Stinkender Nieswurz, Krokussen und Winterlingen.
Attraktive Verwandtschaft aus Nah und Fern
Neben der Stinkenden Nieswurz gibt es in der Schweiz noch zwei weitere heimische Arten. Ähnlich gefärbt, aber grösser und anders angeordnet sind die Blüten der Grünen Nieswurz (Helleborus viridis). Man begegnet ihr im Tessin, aber auch nördlich der Alpen gibt es Vorkommen. Über deren Ursprünglichkeit wird gerätselt, es ist anzunehmen, dass es sich hierbei um verwilderte Populationen handelt, die von einst kultivierten Exemplaren abstammen. Die Grüne Nieswurz wurde nämlich früher oft in Kloster- und Burggärten gepflanzt, als Zauber-, Gift- und Heilpflanze. Heute ist sie aus den Gärten aber weitgehend verschwunden und nur ganz wenige Gärtnereien bieten sie überhaupt noch an.
Die Grüne Nieswurz (Helleborus viridis) kommt natürlicherweise im Tessin vor. Foto: Albert Krebs
Ganz im Gegensatz zur Christrose (Helleborus niger), die einem als im Labor gezüchtete Massenware in der Weihnachtszeit überall zu Schleuderpreisen angeboten wird. Dass es davon Wildvorkommen im Südtessin gibt, ist hingegen weniger bekannt. Hier wächst sie im Unterwuchs von Laubwäldern und schmückt diese mit grossen weissen Blütenschalen mitten im Winter, manchmal schon um Weihnachten, was ihr zu ihrem populären Namen verholfen hat. Schneerose wird sie auch genannt, oder auch Schwarze Nieswurz. Schwarz bezieht sich hier auf die dunklen Wurzeln, die getrocknet und gemahlen übrigens als Niespulver verwendet wurden, womit auch der deutsche Gattungsname zu erklären ist.
Auch die Christrose (Helleborus niger) kommt natürlicherweise im Tessin vor. Foto: Albert Krebs
Häufiger als alle drei in der Schweiz heimischen Nieswurz-Arten zusammen wird in unseren Gärten die Lenzrose oder Orientalische Nieswurz (Helleborus orientalis) verwendet. Oder besser gesagt, Hybriden aus dem Umfeld dieser aus der Türkei und dem Kaukasus stammenden Art, denn es gibt vom Nahen Osten über den Balkan bis nach Italien zahlreiche verwandte Arten, die sich munter kreuzen und für fruchtbare Nachkommen sorgen (weshalb man diese Gartenhybriden auch Helleborus x hybridus nennt). Den Blütenbesuchern spielen Herkunft und Verwandtschaft der Nieswurz keine Rolle, alle profitieren sie vom reichlich angebotenen Pollen und Nektar.
Die Orientalische Nieswurz ist für die einheimischen Insekten ebenfalls sehr wertvoll!
Schädling oder Nützling?
Weniger an den Nieswurzblüten, dafür mehr an deren Blättern ist die Christrosen-Blattwespe (Monophadnus latus) interessiert. Im März schlüpfen die glänzend schwarzen Wespen aus dem Boden und versammeln sich auf Christ- oder Lenzrosen (die Stinkende Nieswurz ist weniger beliebt) um sich zu paaren. Die Weibchen legen danach ihre Eier in die Blattstiele. Daraus schlüpfen winzige Larven, die anfangs unauffällig auf der Blattunterseite Pflanzengewebe abschaben. Mit dem Wachstum der Larven nimmt aber auch ihr Appetit zu, so dass mit der Zeit die Blätter durch Lochfrass erheblich beschädigt und entstellt werden. Zum Verpuppen kriechen die Larven in den Boden unter ihre Futterpflanze und im folgenden Frühjahr beginnt der Kreislauf wieder aufs Neue. Bei grösseren Blattwespenpopulationen können die Christ- und Lenzrosen stark in Mitleidenschaft gezogen werden und sind nach wenigen Jahren so geschwächt, dass sie eingehen. Wenn man aber naturnah gärtnert und den Pflanzen die Selbstaussaat gönnt, ist das durchaus zu verkraften. Denn die Christrosen-Blattwespen legen ihre Eier bevorzugt an ältere Pflanzen, junge werden weniger beachtet. So verjüngt sich der Helleborusbestand im Garten stetig und das Schubladendenken bezüglich Schädling oder Nützling erübrigt sich einmal mehr.
Die Christrosen-Blattwespe (Monophadnus latus)
Tipps zur Gartenkultur
Alle Helleborus-Arten und -Sorten sind anspruchslos und pflegeleicht und passen deshalb wunderbar in naturnahe Gärten. Sie halten einiges an Sommertrockenheit aus, womit sie für den Klimawandel bestens gewappnet sind. Gerne wachsen sie im halbschattigen Randbereich von Gehölzen. Pflegemassnahmen sind kaum nötig, einzig ein Rückschnitt der alten Blätter im Winter ist von Vorteil, um der durch Pilzbefall hervorgerufenen Schwarzfleckenkrankheit vorzubeugen.
Bei der Stinkenden Nieswurz ist diese Massnahme aber zu unterlassen, da dadurch ihre Wuchsform (stammbildend) zerstört würde.
Möchtest du mehr über unsere Projekte erfahren? Melde dich beim Newsletter an.
Unsere neusten Artikel
Sensenkurs
Auch dieses Jahr organisiert NimS wieder einen Sensenkurs, hier findest du die Details.
Kontacht 2025
Im Jahr 2025 wurden drei Artikel von NimS im Kontacht veröffentlicht.
Wanzenvortrag
In diesem Vortrag wird uns Daniel Ballmer die faszinierende Welt der Wanzen näher bringen. Eine unglaubliche Formen- und Farbenvielfalt kombiniert mit einer spannenden Biologie!


