Lungenkraut
Frühlingsbote im Schatten

Pflanzenportrait

Farbenspiel als Nektarinfo

Wenn es nach dem Auftakt der Schneeglöckchen und Winterlinge mit den Frühblühern so richtig losgeht, spielt das Lungenkraut in vorderster Reihe mit. Seine nickenden, sich von rötlich zu blauviolett färbenden Blüten schmücken die Krautschicht der Wälder, noch bevor die Bäume ihr Laub entfalten. In der Schweiz kommen mehrere Lungenkrautarten vor. Am ehesten begegnet man dem Dunklen Lungenkraut (Pulmonaria obscura), das fast im ganzen Mittelland heimisch ist, sowie dem Gefleckten Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), das sich vom erstgenannten v.a. durch helle Blattflecken unterscheidet und vom Zürcher Weinland bis an den Bodensee, in Teilen der Romandie und im Tessin zuhause ist. In Gärten werden neben den heimischen Arten noch weitere Lungenkräuter kultiviert, teils mit intensiver Blütenfarbe oder besonders auffallender Blattzeichnung. Den Insekten spielt die Herkunft aber keine Rolle, alle Lungenkrautarten und -sorten werden gerne besucht. Ein Farbcode informiert die Blütenbesucher über das Angebot der einzelnen Blüten: frisch aufgeblühte, rötliche sind noch nektarreich, lässt die Nektarproduktion nach, verfärben sie sich durch die Änderung des pH-Wertes ins Bläuliche. Um an den Nektar zu gelangen, braucht es einen langen Rüssel oder anderes Geschick, denn er befindet sich ganz am Ende der Kronröhre. Nach der Blüte entwickeln sich im Kelch vier Samen, die bei der Reife herausfallen und dank eines ölhaltigen Anhängsels, dem Elaiosom, von Ameisen mitgenommen und so verbreitet werden.

Geflecktes Lungenkraut. Foto: Dani Pelagatti

Heilende Kräfte

In der historischen Signaturenlehre ordnete man Pflanzenteile aufgrund ihrer Analogien bestimmten menschlichen Organen zu und versprach sich durch die Verabreichung selbiger Linderung bei entsprechenden Krankheiten und Verletzungen. In den gefleckten Blättern des Lungenkrauts sah man Ähnlichkeit zum Lungengewebe, folglich musste diese Pflanze bei Lungenleiden und Atemwegserkrankungen hilfreich sein. Tatsächlich enthält Lungenkraut reizlindernde, schleimlösende und schweisstreibende Inhaltsstoffe. Ausser in der Homöopathie wird es heute aber kaum noch verwendet.

Weibchen der Frühlings-Pelzbiene beim Blütenbesuch am Lungenkraut. Foto: Albert Krebs

Futter für Wildbienen

Zu den Insekten, die dank ihrer langen Mundwerkzeuge problemlos an den Nektar des Lungenkrauts gelangen, gehört die Frühlings-Pelzbiene (Anthophora plumipes). Sie ist eine der ersten Wildbienen des Jahres, ihre Flugzeit beginnt bereits um den Wechsel von Februar zu März. Trotz ihres pummelig-hummelartigen Körperbaus ist sie in rasantem Flug unterwegs, ihr hoher Summton verrät sie meist schon, ehe man sie zu Gesicht bekommt. Im Gegensatz zu manch anderen Wildbienen ist die Frühlings-Pelzbiene zur Versorgung ihrer Brut nicht auf den Pollen bestimmter Pflanzen spezialisiert, zeigt aber doch Vorlieben für gewisse Arten. Lungenkraut gehört eindeutig zu ihren Favoriten, aber auch Taubnesseln, Gundelrebe, Lerchensporn und Primeln sind sehr beliebt. Jedes Weibchen gräbt sein eigenes Nest ins Erdreich, in unbewachsene Abbruchkanten im Gelände oder in sandige oder lehmige Steilwände. Sie nisten auch in altem Gemäuer, wenn die Spalten mit kalkhaltigem Mörtel oder Lehm verfugt wurden.

Weibchen der Lungenkraut-Mauerbiene. Foto: Albert Krebs

Ebenfalls eine Vorliebe für Lungenkraut hat die Lungenkraut-Mauerbiene (Osmia pilicornis). Sie ist im Gegensatz zur weit verbreiteten Frühlings-Pelzbiene sehr selten, im Kanton Zürich fliegt sie nur noch an wenigen waldigen Stellen im Weinland. Ihre Nester nagt sie in tote, eher dünne Äste, die am Waldboden liegen, als Baumaterial für die Zellzwischenwände und den Nestverschluss benutzt sie Pflanzenmörtel, den sie aus zerkauten Blattstückchen der Wald-Erdbeere herstellt.

Schwarzer Beinwell-Erdfloh. Foto: Christine Dobler Gross

Flöhe, die keine sind

Aber nicht nur die Blüten des Lungenkrauts sind von Bedeutung, es gibt auch Insekten, die sich für andere Pflanzenteile interessieren, wie z.B. die winzigen Erdflöhe. Diese gehören trotz ihres Namens nicht zu den Flöhen, sondern zu den Blattkäfern. In der Gattung der Erdflöhe gibt es vielerlei Spezialisierungen auf bestimmte Pflanzen. So sind auch einzelne Arten auf Raublattgewächse angewiesen, zu denen auch das Lungenkraut zählt. Mit Longitarsus pulmonariae (ohne deutschen Namen) haben wir sogar einen Erdfloh, der sich nur auf Lungenkraut und Beinwell aufhält. Er ist hellbraun gefärbt, im Gegensatz zum häufigeren Schwarzen Beinwell-Erdfloh (Longitarsus anchusae), der glänzend schwarz ist und neben Beinwell und Lungenkraut auch an anderen Vertretern der Raublattgewächse zu finden ist. Die Käfer schaben Blattgewebe ab und sorgen so mit der Zeit für filigrane Lochmuster. Ihre Larven fressen in den Wurzeln der Wirtspflanzen.

Von der Christrose gibt es Wildvorkommen im Tessin. Foto: Albert Krebs

Tipps zur Gartenkultur

Lungenkraut eignet sich hervorragend, um schattige bis halbschattige Gartenbereiche zu beleben, z.B. auf der Nordseite eines Gebäudes oder unter Gehölzen. Der Boden sollte nicht zu trocken und nicht zu mager sein, ansonsten stellt es keine besonderen Ansprüche. In manchen Jahren können die Blätter von Mehltau befallen werden, wen dieser Anblick stört, kann das unschöne Laub abschneiden und die Pflanzen so zu einem Neuaustrieb anregen. Ansonsten ist Lungenkraut sehr pflegearm, ein Rückschnitt ist in der Regel nicht nötig. Lässt man Selbstaussaat zu, bilden sich mit der Zeit lockere Bestände und suchen sich die Pflanzen ihre geeigneten Plätze selber aus.

Die Pflanze bleibt relativ niedrig (wird knapp 20cm hoch) und blüht etwa von Anfang März bis Ende April.

Geeignete Partnerpflanzen sind z.B. Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Hohe Schlüsselblume (Primula elatior) und Wald-Erdbeere (Fragaria vesca).

Lungenkraut-Jungpflanzen sind in gut sortierten Staudengärtnereien erhältlich.

Dunkles Lungenkraut. Foto: Christine Dobler Gross

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