Natternkopf
Blaues Wunder steiniger Böden

Pflanzenportrait

Von Ende Mai bis in den Juli fallen an ruderalen Stellen die blauen Blütenkerzen des Gemeinen Natternkopfs (Echium vulgare) auf. Er gehört, wie Borretsch, Lungenkraut und Vergissmeinnicht zur Familie der Raublattgewächse, die einige blaublühende Arten enthält, einer Farbe, die sonst in unserer Flora eher selten anzutreffen ist. Ausnahmsweise kann man auch rotviolett oder weiss blühende Exemplare finden.

Ist der Boden nicht zu mager, können die Natternkopftriebe locker 1m Höhe erreichen. Sie sind üppig mit Blüten bestückt, die zweireihig in sogenannten Wickeln angeordnet sind. Nach der Blüte bilden sich in jedem Kelch vier harte schwarze Samen, die bei Reife herausfallen. Die ganze Pflanze ist pieksend borstig behaart, was bei Hautkontakt zu Irritationen führen kann.

Natternkopf-Blattrosetten an Pionierstandort. Foto: Albert Krebs

Erstbesiedler gestörter Standorte

Der Natternkopf ist ein typischer Vertreter trockenwarmer Ruderalfluren und zählt zu den zweijährigen Pionierpflanzen. Arten also, die zu den Estbesiedlern offener Flächen gehören und auch auf diese als Lebensraum angewiesen sind. Im ersten Jahr bilden sie eine Blattrosette, im zweiten dann den Blütenstand, anschliessend fruchten sie und sterben ab. Um der nächsten Generation die Keimung zu ermöglichen, ist wieder offener, besonnter Boden nötig, in dichter Vegetation mehrjähriger Gewächse können die kurzlebigen Pioniere nicht aufkommen. So sind sie immer wieder auf Störungen angewiesen, sei dies durch Naturgewalten, wie z.B. Erdrutsche und Hochwasser, oder durch menschliche Eingriffe, wie z.B. Bagger- und Pflugarbeiten oder gar Herbizideinsatz.

Natternkopf-Mauerbienenweibchen beim Blütenbesuch. Foto: Christine Dobler Gross

Hochspezialisierte Blütenbesucherin

Viele blütenbesuchende Insekten mögen den Natternkopf, an seinen Blütenständen herrscht immer Flugbetrieb. Es gibt sogar Bienenarten, die auf ihn spezialisiert sind, wie z.B. die Glänzende Natternkopf-Mauerbiene (Hoplitis adunca). Es lohnt sich, an blühenden Natternköpfen nach dieser besonderen Biene Ausschau zu halten. Sie ist kleiner als eine Honigbiene, die Weibchen mit schwärzlicher Grundfärbung, die Männchen mit rotbrauner Behaarung und in grossem Tempo unterwegs. Sie mögen hohe Temperaturen und tanken gerne Wärme auf sonnenexponierten Stein- oder Holzstrukturen.

Den Pollen für ihre Brut sammelt die Glänzende Natternkopf-Mauerbiene ausschliesslich in Natternkopfblüten.

Weibchen der Glänzenden Natternkopf-Mauerbiene. Foto: Albert Krebs
Männchen der Glänzenden Natternkopf-Mauerbiene. Foto: Albert Krebs

Ihre Spezialisierung geht so weit, dass die Weibchen jeweils zeitgleich mit dem Aufblühen der ersten Natternkopfblüten erscheinen und auch der zweijährige Zyklus des Natternkopfs wird berücksichtigt. Es könnte ja sein, dass aufgrund ungünstiger Bedingungen in einem Jahr örtlich kein Natternkopf zur Blüte gelangt. Das wäre für die Spezialistin fatal, die Population müsste abwandern, wenn die geschlüpften Weibchen in der Umgebung der Nistplätze keine Pollenquellen vorfänden. Um das Risiko des lokalen Verschwindens zu reduzieren, sorgt diese Mauerbienenart mit einem Trick in der Entwicklung des Nachwuchses vor: ein Teil der Brut schlüpft nämlich nicht wie üblich bereits im Folgejahr, sondern harrt noch ein weiteres Jahr in der Brutzelle aus, in der Hoffnung, dass in der übernächsten Saison die Bedingungen bezüglich Blütenangebot wieder besser sind.

Natternkopf-Mauerbienenweibchen beim Verschliessen des Nestes. Foto: Albert Krebs

Aufgeschnittenes Nest der Glänzenden Natternkopf-Mauerbiene in einem hohlen Stängel. Erkennbar sind rechts der Nestverschluss und aneinandergereiht die einzelnen, durch Mörtelwände getrennten Zellen, in denen sich jeweils ein Natternkopfpollenvorrat und eine Mauerbienenlarve befinden. Foto: Albert Krebs

Ihre Nester legt diese Bienenart in vorhandenen Hohlräumen an, das können verlassene Käferfrassgänge in Totholz, hohle Pflanzenstängel, oder verlassene Nester von in Steilwänden nistenden Bienen- und Wespenarten sein. Sehr gerne besiedeln sie auch künstliche Nisthilfen, die man ihnen an sonniger, regengeschützter Stelle in Form von Bohrungen in Hartholz oder hohlen, am hinteren Ende verschlossenen und waagrecht orientierten Stängeln anbieten kann (der Durchmesser des Hohlraums sollte 5 bis 6 mm betragen). Die Zellzwischenwände und der Nestverschluss bestehen aus Mörtel, den die Bienen eigens dazu anteigen. Auf den fertigen Nestverschluss kommt oft noch eine Tarnschicht aus Materialpartikeln aus der direkten Umgebung des Nestes (z.B. Holzfasern)

Ethmia bipunctella. Foto: Albert Krebs
Raupe des Zitronenfalters. Foto: Christine Dobler Gross

Nervöse Raupen

Nicht nur Pollen und Nektar des Natternkopfs sind für Insekten interessant, es gibt auch Arten, die sich von anderen Pflanzenteilen ernähren, so z.B. die Natternkopf-Netzwanze (Dictyla echii) oder die zu den Grasminiermotten zählende Ethmia bipunctella, von der es keinen deutschen Artnamen gibt. Ihre schwarz, gelb und weiss gemusterten Raupen fressen in lockeren Gespinsten an Blättern und Blüten des Natternkopfs, bei Störung beginnen sie nervös zu zucken und lassen sich bei weiterer Gefahr auf den Boden fallen. Sie verpuppen sich in abgestorbenem Pflanzenmaterial. Der Falter trägt ein schwarzweisses Fleckenmuster und hält die Flügel im Ruhezustand eng um den Körper drapiert.

Natternkopf im naturnahen Garten. Foto: Christine Dobler Gross

Tipps zur Gartenkultur

Der Natternkopf passt gut in naturnahe, etwas dynamische Gärten. Um sich auf Dauer zu halten, braucht er immer wieder vegetationsfreie Stellen, um keimen zu können. Das bedingt, dass da und dort periodisch die bestehende Pflanzendecke entfernt werden muss. Oder man legt einen Bereich an, der den Pionierpflanzen vorbehalten ist und der jährlich partiell gehackt wird, um offenen Boden zu gewährleisten. Davon profitieren nicht bloss der Natternkopf, sondern auch weitere kurzlebige Arten, wie z.B. Königs- und Nachtkerzen, Reseden, Eselsdistel und Färberwaid. Unter idealen Bedingungen kann sich der Natternkopf in offenem Boden stark versamen. Die jungen Blattrosetten lassen sich aber gut jäten.

Der Standort sollte sonnig sein, der Boden durchlässig. Sind viele Nährstoffe vorhanden, bildet der Natternkopf reichlich Seitentriebe aus der Blattrosette, kann dann aber vor lauter Wachstum auch mal das Gleichgewicht verlieren und zur Seite kippen. An magereren Stellen bleibt er niedriger, verzweigt sich weniger und ist standfester.

Im Herbst oder Frühjahr reisst man die abgestorbenen Pflanzen aus, so entsteht ebenfalls wieder freier Platz für neue Keimlinge. Wegen der bereits erwähnten Borsten des Natternkopfs empfiehlt sich das Tragen von Gartenhandschuhen, wenn man sich an ihm oder in seiner unmittelbaren Umgebung zu schaffen macht.

Natternkopfsaatgut und -jungpflanzen sind im Samenhandel und in Wildstaudengärtnereien gut erhältlich.

Text: Dani Pelagatti

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